Sonntag, 15. Juni 2014

Wenn alle studieren wollen - die rasante Akademisierung in Deutschland

Peter von Bechen / pixelio.de

Noch in den Neunzigerjahren war es für die meisten Schüler und Eltern gar keine Frage: Haupt- oder evtl. Realschule, dann eine solide Ausbildung in einem Betrieb, der einen anschließend übernehmen würde und eine frühzeitige Lebensplanung ermöglichen sollte.

Heute heißt die Hauptschule Mittelschule, und selbst nach erfolgreich bestandener Realschule drängen viele gleich weiter auf die Fachoberschule, um das Abitur nachzuholen. Wer sich doch zunächst für einen Ausbildungsberuf entscheidet, denkt vielleicht bereits während oder spätestens nach der Lehre darüber nach, im Anschluss ein Studium zu absolvieren.

Im Grunde ist passiert, was die Politik wollte. Internationale Organisationen wie die OECD hielten Deutschland lange Zeit vor, dass die Akademikerquote hierzulande zu gering sei. Im internationalen Vergleich war sie das, und sie liegt sogar jetzt noch unter dem Durchschnitt. Doch wurde verkannt, dass unser duales Ausbildungssystem so im Ausland nicht existierte und lange bei uns gut funktionierte.

Nun streben 50% eines Jahrgangs auf die Hochschule, fast 60% haben die Studienberechtigung, die Hochschulen sind überfüllt, und immer mehr Studiengänge sind zugangsbeschränkt. Gleichzeitig können viele Ausbildungsplätze nicht mehr besetzt werden, das Handwerk sucht händeringend Nachwuchs, und in vielen Bereichen muss verstärkt auf nicht qualifiziertes Personal zurückgegriffen werden.

Dann ist die Lösung also ganz einfach? Zurück in die Ausbildungsbetriebe und in die Berufsschulen? Liegt es an den überzogenen Erwartungen von Jugendlichen und ihren Eltern, dass eine Berufsausbildung plötzlich nicht mehr als "angemessen" empfunden wird?

Aus Beratersicht stellt sich die Lage deutlich komplexer dar. Denn wer im beruflichen Alltag mit Menschen spricht, die nach einer absolvierten Berufsausbildung noch einmal die Schulbank drücken und ein Studium beginnen möchten, der erfährt: Die Probleme liegen oft auch in den Betrieben und in der Ausbildung.

Auf den Websites und in den Image-Kampagnen der Arbeitgeber und Industrie- und Handwerkskammern ist alles auf Hochglanz poliert, doch die Realität sieht oft freilich ganz anders aus: In nicht wenigen Betrieben werden Auszubildende auch heute als billige Servicekräfte missbraucht, geltendes Recht zu Arbeitszeiten und Überstunden wird einfach ignoriert, stattdessen wird Druck aufgebaut. Und der Lohn für all die Müh? Ein Einstiegsgehalt nach dem Abschluss, von dem man in größeren Städten wie München jedenfalls nicht wirklich leben kann, und ohne die konkrete Aussicht auf eine mittelfristige Verbesserung dieser Situation.

Das ist natürlich nicht unbedingt die Regel, aber auch keinesfalls die absolute Ausnahme. Auch im Jahr 2014, zeitgleich mit einem sich ständig verschärfenden Fachkräftemangel, haben zahlreiche Arbeitgeber noch immer nicht verstanden, dass sie sich nachhaltig um die langfristige personelle Besetzung ihrer offenen Stellen kümmern müssen. Fordern, natürlich, aber eben auch ernsthaft fördern. Stattdessen werden Azubis nicht selten genutzt, um diese Lücken erst mal irgendwie zu stopfen.

Und die jungen Leute? Ziehen desillusioniert ihre Konsequenzen und suchen nach Alternativen - immer öfter in einem Studium.